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Rhetorik Themen

Rhetorik – Themen, Thesen, Perspektiven

Hier diskutieren wir und geben Anregungen rund um die Themen Rhetorik und Kommunikation.

Rhetorik und Management

Rhetorik und Management – zwei Themen, die eigentlich untrennbar miteinander verknüpft sein sollten. Zwischen denen aber doch oft scharf getrennt wird. So verzichtet die Führungsforschung großzügig auf wichtige Aspekte der Kommunikation. Während sich die Rhetorik viel zu oft mit sich selbst beschäftigt – anstatt auf eines ihrer Anwendungsfelder zu achten, das für sie vielleicht am wichtigsten ist: die interne Unternehmenskommunikation.

Rhetorik: Seit Jahrtausenden fasziniert sie. Weil in letzter Konsequenz alle großen Fragen des Themas Kommunikation in ihr zusammenlaufen. Und sie seit jeher versucht, Antworten und Anleitungen zu liefern, wie man Meinungen und Ideen Geltung verschafft, Gegner überzeugt, stilvoll redet – und Menschen leitet. Die Themen Führung von Menschen und sprachlicher Stil – beide vereinen sich im Begriff Rhetorik bereits seit der frühen Antike.

Im Gegensatz dazu steckt die Idee der Verknüpfung von Rhetorik und Management noch in den Kinderschuhen. Zwar ist die Kommunikation von Menschen in leitenden Funktionen seit den Fünfzigerjahren hier und da Gegenstand wissenschaftlicher Betrachtungen. Zur regelrechten Mode wurde die Kombination der Themen Rhetorik und Management aber erst in den letzten Jahren. Was aber versteht man unter dem Begriff Managementrhetorik?

„Unter Managementrhetorik ist die Professionsrhetorik von Führungskräften zu verstehen, die institutionell verankerte Leitungsfunktionen in einem Organisationssystem, z. B. in Betrieben oder Behörden innehaben. Wie jede beruflich motivierte Rhetorik ist sie wesentlich von den Determinanten des Arbeitsfeldes bestimmt, d.h. hier: von den Bedingungen der Organisation oder Organisationseinheit, die der Manager führt.“ So weit die Definition des Rhetorikers Joachim Knape (* 12. April 1950) in seiner Abhandlung „Managementrhetorik“ aus dem Jahr 2001. Allerdings bläht der Begriff Managementrhetorik etwas im doppelten Sinne auf, was eigentlich selbstredend und zusammengehörig ist. Deutlich wird das Pleonasmus-Phänomen (sinnlose Doppelung), erfassen wir die Wörter Management und Rhetorik in ihren Kernbedeutungen:

Management: Manus agere (aus dem Lateinischen) – an der Hand führen

Rhetorik: Psychagogie, also die „Seelenleitung“ nach Platon (* 428/427 v. Chr.; † 348/347 v. Chr.) oder „Seelenführung im Horizonte der Vernunft“, wie es der einstige Ordinarius für Rhetorik an der Universität Tübingen, Walter Jens (* 8. März 1923; † 9. Juni 2013), formulierte

Unmissverständlich wird klar: Mit den Begriffen Rhetorik und Management ist eigentlich ein und dasselbe gemeint. Ob Arbeitsabläufe oder Vortragssituationen: Stets sind Management und Rhetorik im Spiel. Im Umkehrschluss ist Management auch betriebswirtschaftliche Analyse, wohl auch das Anwenden psychologischen Wissens. In erster Linie aber ist Management nichts anderes als Rhetorik – weil ohne Kommunikation das größte theoretische Wissen nutzlos bleibt. Rhetorik ist vor allem in betriebswirtschaftlichen Kontexten mehr als bloßes Reden: Sie ist kommunikatives Handeln, sie ist Psychagogie des Menschen durch den Menschen. Und damit der Dynamikfaktor der Kommunikation, sogar Motor aller betriebswirtschaftlicher Prozesse. Weil nicht Zahlen allein den Anstoß zum Handeln geben. Sondern erst deren Interpretation durch Manager sowie durch deren Motivationen und daraus resultierenden Handlungsanweisungen.

Die alltägliche Kommunikation stellt hohe Ansprüche an Management und Rhetorik: Überzeugungsarbeit, Akzeptanz- und Konsensstiftung sind Permanentaufgaben des Managers, deren Erfüllungsgrad sich auf das gesamte Klima im Unternehmen und die Produktivität auswirken können. Dem stehen gegenüber: häufig zu beobachtende reine Akklamationen oder Behauptungen – ohne Begründungen oder Argumentationen. Oft genug schwammig formuliert und interpretierbar. Werden sie zudem begleitet von landläufigen, branchenübergreifenden Kriegs- und Nautikmetaphern, ergibt sich jener ermüdende Business-Singsang, den kaum einer mehr hören mag. Darüber hinaus verhindert solche Art des Sprechens jegliche kommunikative Abgrenzung gegenüber Wettbewerbern. Weil die externe Kommunikation meist nur ein für den Markt langweiliges Spiegelbild der internen Kommunikation darstellt.

Hinzu kommen vielfach Diskrepanzen zwischen Führungsstilen, Reifegraden von Mitarbeitern und dem vorherrschenden Kommunikationsstil in einem Unternehmen. Unreflektierter Kommunikationskonformismus führt allerdings dazu, dass Führungskräfte häufig eher graue Mäuse sind als auffällige Persönlichkeiten. Das mag für das operationale Geschäft zu vernachlässigen sein. Ist aber für das Delegieren von Aufgaben und für das Formulieren von Vorgaben, Ideen und Visionen entscheidend. Das bedeutet nicht, jeder Manager müsste sich zu einer schillernden Personality-Marke verwandeln. Doch sollte jeder, der in den Managementbereich aufrückt, Sachbearbeitung und Mikrokontrolle in starkem Maße durch Botschaftenorientierung ersetzen.

Aus diesem Grund ist es für jeden Manager ratsam, eine eindeutige Sprache zu entwickeln, die zu seinem Führungsstil passt. Idealerweise ergänzt um zu ihm passende Stilkomponenten. Das Zielbild: eine klare Sprache, die auch in schwierigen Zeiten problemlösend und glaubhaft wirkt. Sowie Management und Rhetorik als eine Einheit zu begreifen.

Sie wollen mehr über Management und Rhetorik erfahren? Dann besuchen Sie doch unser Seminar Rhetorik und Führungsstile …

Rhetorik Training: Wie man Emotio und Ratio gleichermaßen anspricht

Oft operiert ein Rhetorik Training oder ein Vertriebsseminar mit Neurolinguistischem Programmieren, Einteilungen von Kunden und Gesprächspartnern nach der Triune Brain-Methode in Blau-, Rot- oder Grüntypen und anderen Methoden, die sich der Empirie entziehen. In vielen Rhetorik Trainings und Vertriebsseminaren als sichere Methoden kommunizierte Kategorisierungen oder Beeinflussungen des Denkens und Verhaltens sind wissenschaftlich stark umstritten. Seriöse Hirnforscher sind sich einig: Die Ergebnisse der Hirnforschung sind ernüchternd, sie steht eigentlich noch ganz am Anfang. So sehen es zum Beispiel Prof. Henrik Walter und John-Dylan Haynes von der Berliner Charité. Haynes zu diesem Thema im „Spiegel“ vom 9. 4. 2016: „(…) Die Hirnforschung war lange Zeit viel zu optimistisch. (…) Um Hirnfunktionen wie den Willen zu verstehen, brauchen wir weitere zwanzig Jahre intensiver Forschung. Mindestens.“

Eines steht allerdings fest – wir haben es bereits in diesem Blog ausgeführt: Die strenge Arbeitsteilung zwischen linker und rechter Hirnhälfte (Ratio links/Emotio rechts) existiert so nicht. Leider war und ist das Modell trotz seiner Widerlegung für die Festigung konventioneller Geschlechterbilder verantwortlich. Zusätzlich gestützt von managementesoterischen Eignungs- und Typentests, die Menschen farblich stigmatisieren – und in verschiedene emotionale oder rationale Klischeeschubladen pressen. Auf der Grundidee des Triune Brain von Paul D. MacLean (die übrigens in Fachkreisen schon immer heftig kritisiert wurde) fußen leider bis heute viele Rhetorik Trainings. Nach dem Motto: Richte dein Reden an der Farbe des Publikums aus – und schon wirst du den Laden rocken. Abgesehen von dem sehr umstrittenen Ansatz, der auf Wissen der Fünfziger- und Sechzigerjahre baut, bleiben nach jedem Rhetorik Training dieser Art eine Reihe praktischer Fragen offen: Wie definiert der Redner die Farbe des Publikums? Ist nicht schon eine kleine Gruppe farblich meist sehr heterogen? Ist das Lesen von Horoskopen nicht ähnlich erfolgversprechend?

Vor allem die klassische Werbung hingegen arbeitet seit jeher mit der These, jeder Mensch sei ein ganzheitlich denkendes Wesen. Und handele komplexen Einstellungen und Verhaltensdispositionen folgend, die nicht farblich in zwei oder drei Kategorien einzuordnen sind. Genau diesen Ansatz nehmen moderne Rhetorik Trainings auf und zeigen: Zuhörer erwarten während einer Rede zwar Fakten. Mehr oder weniger bewusst aber auch Originalität, Subjektivität und Kreativität bei der Informationsbewertung. Ein sinnvolles Rhetorik Training berücksichtigt, dass Vorträge und Reden das menschliche Verlangen nach Bildhaftem, Kreativem, Emotionalem genauso ansprechen müssen wie logisches, analytisches Denken. Vor allem wenn man eigene Interessen durchsetzen und überzeugen will, muss man das Publikum auchaber nicht nur als Vernunftwesen ansehen. Oder umgekehrt. Sollen relevante Zahlen, Daten und Fakten von den Adressaten behalten werden, funktioniert dies zunächst über Wiederholungen. Um jedoch tatsächlich Meinungen oder gar Verhalten zu modifizieren, ist es wichtiger Evidenzen zu schaffen.

Was heißt das für die praktische Rhetorik? Seriöse Rhetorik Trainings erarbeiten mit den Teilnehmern, wie man am besten Abstraktes wie Konkretes, Zahlen wie Bilder, Emotion wie Vernunft – in einer Rede miteinander kombiniert. Auch wenn sie vor vermeintlich sehr rational orientiertem Publikum gehalten wird (zum Beispiel Wirtschaftsingenieure). Der in Rhetorik Trainings oft gehörte Satz „Bei solchen Leuten kann man nur mit Fakten kommen“ ist ein fatales, gar entmündigendes Vorurteil. Der Mensch denkt ganzheitlich. Wohingegen die meisten Reden und Redner das ganzheitliche Denken komplett ignorieren. Und ihre Argumentationen lediglich auf Zahlen, Daten und Fakten aufbauen. Über praktische Beispiele verdeutlichen Rhetorik Trainings, dass das Aneinanderreihen von Fakten nichts anderes als eine Art Vorlesung, die keinerlei persuasive Kraft entfalten kann, darstellt. Erst durch das ganzheitliche Ansprechen von Adressaten ist eine Rede nicht nur unterhaltsam. Es ist die Basis dafür, dass sich eine Rede von anderen positiv abhebt und durch eine plastische Sprache auszeichnet. Sie wird erst dadurch für das Publikum erinnerlich. In modernen Rhetorik Trainings wird genau das wieder und wieder geübt.  Wie sagte Quintillian (römischer Rhetoriklehrer, * um 35; † um 96)? „Großen Eindruck macht es, wenn man zu den wirklichen Vorgängen noch ein glaubhaftes Bild hinzufügt, das den Zuhörer gleichsam gegenwärtig in den Vorgang zu versetzen scheint (…)“.

Wenn man als Redner gute Metaphern bildet, beweist man, die Sache, von der man spricht, verstanden zu haben. Der Beweis liegt im Transfer des Sachverhalts in einen neuen Kontext selbst. Die Übertragung des Komplexen, Unverständlichen in einen für das Publikum bekannten Bedeutungszusammenhang gehört auch aus diesem Grund in jede Vortragsform – und somit in jedes Rhetorik Training. Und während Sie mit Metaphern und Analogien Ihre Kompetenz untermauern – freuen sich Ihre Zuhörer über jede noch so banal erscheinende Komplexitätsreduktion: Nur Vorstellbares ist merkbar. Und nur wenn man sich etwas merken kann, ist es möglich darüber nachzudenken.

Rhetorik lernen – Rhetorik verstehen

Rhetorik lernen – heißt in erster Linie zu lernen, was Rhetorik leisten kann und was nicht. Vieles was mit Rhetorik in Verbindung gebracht wird, mutierte in der Vergangenheit zu vermeintlichen Binsenweisheiten. Zu Smalltalk-Themen, denen jeder zustimmen kann: weil allgemein akzeptiert. Weil mittlerweile nicht mehr hinterfragt. Und als gegeben hingenommen. Das Fatale: Viele Plattitüden, die sich um Kommunikation, insbesondere um rhetorische Kommunikation ranken, entbehren jeglicher Grundlage. Rhetorik lernen heißt also: auch Missverständnisse zu erkennen. Damit man eigene rhetorische Fähigkeiten tatsächlich verbessern kann. Nachfolgend beleuchten wir zwei grundlegende Missverständnisse – rhetorische Mythen –, die jeder beachten sollte, der Rhetorik ernsthaft lernen möchte. Und zwar nicht nur im Sinne managementesoterischer Seminare.

Rhetorik lernen: 7-38-55-Regel als Mythos entlarven

Sie wollen Rhetorik lernen? Dann haben Sie mit Sicherheit schon einmal von der berühmten 7-38-55-Regel gehört. Sie ist ein herausragendes Beispiel, wie Nonsens zum Smalltalk-Standardthema und psychologischen Pseudowissen wird. Vermeintlich besagt sie, dass Kommunikation nur 7 Prozent vom Inhalt bestimmt, aber zu 38 Prozent von der Wirkung der Stimme und zu 55 Prozent von der Körpersprache dominiert würde. Diese absurde Formel wird bis heute in Rhetorik-Seminaren gelehrt. Sie ist ein Symbol dafür, wie Interessierten, die Rhetorik lernen wollen, mit Inhaltsleere das Geld aus der Tasche gezogen wird. Denn die Aussage wurde vom US-amerikanischen Psychologen Albert Mehrabian (* 1939), auf den die Formel als Zusammenfassung zweier Versuchsreihen von 1967 zurückgeht, so nie getroffen. Rhetorik lernen bedeutet zu wissen: Im Rahmen der Versuchsreihen untersuchte Mehrabian, inwieweit die Wahrnehmung beziehungsweise die Wirkung (positiv/negativ) von einzelnen Worten bei Zuhörern durch Mimik und Stimme beeinflusst wird. Insbesondere wenn Mimik und Stimme etwas anderes als das gesprochene Wort ausdrücken (zum Beispiel das Wort love mit negativem Unterton). Als Ergebnis kam heraus, dass sich die Versuchspersonen in Fällen der Inkongruenz stark an der Mimik und dem Tonfall des Sprechers orientierten. Und nicht am Sinn des Wortes selbst (stimmliche Elemente beeinflussten die Wahrnehmung 5,4fach stärker als der Inhalt der Wörter). Aber: Das Gesamtwirkungsgefüge von Stimme, Mimik, Körpersprache in komplexen Interaktionen wurde nie untersucht. Zudem betont Mehrabian bis heute, dass die Ergebnisse in Laborsituationen erzeugt worden und somit nur Näherungen seien. Eines hingegen zeigen die Versuchsreihen tatsächlich: Dass Zuhörer stark auf die Übereinstimmung von gesprochenem Inhalt, Stimme und Mimik achten. Und in Fällen der Inkongruenz eher nonverbalen Signalen eines Sprechers vertrauen als von ihm ausgesendeten Wortinhalten. Rhetorik lernen bedeutet im Umkehrschluss: Auf die Kongruenz verbaler und nonverbaler Kommunikation zu achten. Nicht aber selbst zum Schauspieler zu werden, weil das gesprochene Wort angeblich kaum wahrgenommen wird. Genau dies aber wird viel zu oft Rhetorik Lernenden nahegelegt. Dabei entsteht Unglaubwürdigkeit durch eher kleine Dinge: Verhaltensmuster, die relativ leicht – und mit ein wenig Übung – in den Griff zu bekommen sind.

Durch Abertausende Seminarteilnehmer, die in der Deutschen Rednerschule Rhetorik gelernt haben, ist bestätigt: Vor allem ein Weglaufen der Augen sowie ruckartige, aus Gründen der Verlegenheit resultierende Bewegungen von Rednern sind die größten Probleme, die im Zusammenhang mit innerer Unruhe zu beobachten sind. Sie führen tatsächlich zu einem unstimmigen Gesamtbild, das die Wahrnehmung von Zuhörern irritiert. Inkongruente, unkoordinierte Bewegungen – aber auch Starrheit des Gesichts – sind nicht nur Ausdruck von Lampenfieber. Sondern auch die Konsequenz eines hohen Konzentrationsgrads auf Inhalte. Darunter leidet die Natürlichkeit des Sprechers, was das Publikum (oder der Gesprächspartner) als Erschrocken- oder Unsicherheit konstatiert. Unkoordinierte und unbewusste Bewegungsabläufe können in extremen Fällen zu einer unbeholfenen und schüchternen Wirkung beitragen, was einem soliden und souveränen Auftritt diametral entgegensteht.

Wollen Sie Rhetorik lernen, wollen Sie rhetorisch fitter werden, versuchen Sie deshalb, Ihren Vortrag oder Ihre Rede so einfach wie möglich zu gestalten. Denn allein das Reden vor Publikum oder Kamera ist und bleibt eine mentale Ausnahmesituation. Wollen Sie zusätzlich sehr komplexe Inhalte sowie endlose Reihen an Zahlen, Daten und Fakten referieren, steigt automatisch die potenzielle Fehlerquote, steigt die Gefahr, von Fehlern aus der Bahn getragen zu werden. Bedenken Sie: Antworten im Rahmen eines Interviews, Diskussionsbeiträge – selbst stundenlange Reden – sind niemals vollständig. Sie können immer nur das Wichtigste herausarbeiten. Und sich darauf konzentrieren, etwas beim Publikum, bei Kontrahenten oder Journalisten zu bewirken. Ein Statement, ein Diskussionsbeitrag, eine Rede ist kein Handout, kein Gutachten, kein Buch, keine Dissertation. Zu hohe Sachlichkeit verhindert sichtbare Lebendigkeit und Natürlichkeit. Rhetorik lernen, heißt also sich das Leben zu vereinfachen. Und nicht unnötig durch schauspielerische Techniken zu verkomplizieren.

Rhetorik lernen: Links- und rechtshemisphärisches Denken als Mythos entlarven

Dreh- und Angelpunkt erfolgreicher Informationsübermittlungen und des Überzeugens ist die Erkenntnis, dass Menschen ganzheitlich Denken: einerseits abstrakt logisch – andererseits assoziativ konkret. Diese Erkenntnis müssen alle, die Rhetorik lernen wollen, berücksichtigen: um sich von anderen Kommunikatoren abzuheben und um mithilfe einer plastischen, anschaulichen Sprache beim Publikum in Erinnerung zu bleiben. Das klassische Modell der Arbeitsweise des Gehirns, seiner Verarbeitung von Informationen und wie es Dinge wahrnimmt, geht von einer starken Arbeitstrennung aus: Während die linke Gehirnhälfte für die Logik – ist die rechte für das Emotionale zuständig. Das Modell war in der Vergangenheit mit für die Festigung konventioneller Geschlechterbilder verantwortlich: Leichtfertig verkürzt wird bis heute in Rhetorikseminaren darauf verwiesen, Frauen wären eher rechtshemisphärisch, Männer eher linkshemisphärisch orientiert – generell gäbe es bei Menschen starke Varianzen hinsichtlich ihrer Persönlichkeiten als Ergebnis eines unterschiedlich gewichteten Einflusses beider Hirnregionen. Infolge solcher Überzeugungen kam es in den Achtziger- und Neunzigerjahren in Mode, Marketingzielgruppen oder Unternehmensangehörige danach zu typologisieren, wie stark deren (auch aufgrund soziodemografischer Daten angenommene) Ratio oder emotionale Seite ausgeprägt ist. Hinzu kam eine auf dieser Grundidee fußende Fülle von managementesoterischen Eignungs- und Typentests, die Menschen farblich stigmatisieren – und in verschiedene emotionale oder rationale Klischeeschubladen pressen.

Wollen Sie Rhetorik lernen und verstehen, sollten Sie berücksichtigen: All das läuft, neueren Ergebnissen der Hirnforschung und Sozialpsychologie zufolge, ins Leere. Sie zeigen, dass beide Hirnhälften funktional sehr stark miteinander verwoben sind – und Menschen in viel größerem Maße rechtshemisphärisch denken als noch vor zwanzig Jahren angenommen. Zuhörer erwarten demzufolge während einer Rede zwar Fakten. Mehr oder weniger bewusst aber auch Originalität, Subjektivität und Kreativität bei der Informationsbewertung. Jeder Vortrag muss das menschliche Verlangen nach Bildhaftem, Kreativem, Emotionalem genauso ansprechen wie logisches, analytisches Denken. Vor allem wenn Sie eigene Interessen durchsetzen und überzeugen wollen, betrachten sie Ihr Publikum, Ihr Gegenüber auch – aber nicht nur als Vernunftwesen.

Sie wollen Rhetorik lernen? Meiden Sie Bauernfänger.

Sie wollen Rhetorik lernen? Im Angebotswust des Internets erkennen Sie Bauernfänger unter anderem daran, dass sie das Schauspiel und Schauspieltechniken in den Vordergrund stellen. Und diese mit der 7-38-55-Regel begründen. Oder aber mit anderen überkommenen/falschen Modellen (z.B. links- und rechtshemisphärisches Denken) argumentieren. Wollen Sie tiefer in das Thema Managementesoterik (Eignungsdiagnostiken, NLP, Positives Denken) einsteigen und weitere Business-Mythen hinterfragen? Dann empfehlen wir das Buch „Schwarzbuch Personalentwicklung. Spinner in Nadelstreifen“ von Viktor Lau.

Rhetorik-Seminare – ein kurzer Überblick, Teil 2

Rhetorik-Seminare mit Performanz-Schwerpunkt

Der wichtigste Grundsatz persuasiver Kommunikation und damit für Rhetorik-Seminare ist die konzeptionelle Kongruenz und die Kongruenz aller eingesetzten Mittel. Die Vermittlung dieser Erkenntnis und vor allem ihr gezielter Transfer in die Praxis – auf unterschiedliche Kommunikationssituationen – ist seriösen Rhetorik-Seminaren wichtiger als checklistenartiges Abarbeiten möglichst vieler Techniken und Stilmittel. Qualität sollte immer vor Quantität gehen.

Je konsequenter Rede und Auftritt erscheinen, je deutlicher ein Roter Faden im Aufbau der Rede erkennbar ist, umso eher wird der Inhalt verstanden. Und umso eher besteht die Chance auf eine überzeugende Wirkung der Rede auf das Publikum. Der Redner selbst muss wiederum mit Mimik, Gestik und Stimme seine Aussagen unterstreichen, um glaubwürdig zu erscheinen. Ob der Redner diesen Grundsatz während des Vortragens beherzigt, wird in einem Rhetorik-Seminar mit Performanz-Schwerpunkt mithilfe einer Videoanalyse genau unter die Lupe genommen. Der Seminarleiter/die Seminarleiterin gibt ein ausführliches Feedback zu den wichtigsten Performanz-Kriterien; er/sie erörtert mit den Rhetorik-Seminarteilnehmern Stärken und Potenziale, um in weiteren praktischen Übungen gezielt auf sie einzugehen. Schritt für Schritt arbeiten die Teilnehmer eines Rhetorik-Seminars zunächst an der Mimik und Gestik. Um sich dann stimmlichen und sprachlichen Aspekten zuzuwenden. Gerade in Rhetorik-Seminaren, die sich mit Performanzthemen beschäftigen, wird der praktische Teil vorrangig behandelt. Grau ist alle Theorie – Rhetorik wird jedem erst durch praktische Erfahrungen begreifbar. Nur so können rhetorisch Unerfahrene eine gewisse Routine in ihrer Rolle als Rhetor erlangen.

Rhetorik-Seminare mit kognitiv-semiotischem Schwerpunkt

In Rhetorik-Seminaren, die sich schwerpunktmäßig mit dem kognitiv-semiotischen Teilbereich beschäftigen, legen die Seminarteilnehmer konzeptionelle und kreative Grundlagen für ihren perfekten Auftritt im Rampenlicht. Die Voraussetzung eines solchen ergibt sich aus der Einheit der Definition kommunikativer Ziele, der Strategie und aus ihr abgeleiteten Maßnahmen. Die stimmige Mischung aus Abstraktion und Konkretisierung richtet sich danach, ob der Redner eher belehren, unterhalten oder bewegen will. Daran wiederum richten sich Zusammenhänge, Strukturen, Stilmittel aus, um die beabsichtigten Effekte beim Publikum tatsächlich zu erzeugen. Um Kommunikationswirkungen zu verstehen, bedarf es eines Basiswissens im Bereich der Kommunikationspsychologie. Nur so ist ein Redenschreiber in der Lage, kognitive, affektive, aktionale oder motivationale Ziele zu definieren, anhand derer er eine Redekonzeption durchdeklinieren und auf ein Zielpublikum ausrichten kann. Gerade auf dieser Ebene trennt sich bezüglich des Rhetorik-Seminarangebots oft die Spreu vom Weizen: Geht es vielen Anbietern in erster Linie um die möglichst kreative Umsetzung – geht es seriösen Anbietern von Rhetorik-Seminaren um das handwerklich saubere ausarbeiten des konzeptionellen Vorgehens. Erst wenn Kommunikationsziele, Strategien und daraus abgeleitete Maßnahmen sauber definiert sind, kann aus der kreativen Umsetzung eines Sprech-wirk-Texts ein perfekt auf den Redner zugeschnittenes Manuskript hervorgehen.

Die große Kunst des Konzipierens und Schreibens einer Rede ist das geschickte Reduzieren von Zahlen, Daten, Fakten, Argumenten: Eine Rede hegt niemals den Anspruch auf Vollständigkeit. Sie ist kein Handout, kein Buch, keine Dissertation. Die zentrale Aufgabe des Redenschreibers besteht in der Definition von Redehighlights und darin, aus der Fülle an Ausgangsinformationen das Wichtigste herauszufiltern, um es wirkungsvoll in Szene zu setzen. Und zwar unter Berücksichtigung der Eigenheiten des gesprochenen Wortes – das sich vom Schriftdeutsch teils drastisch unterscheidet. Rhetorik-Seminaren kommt dabei die Aufgabe zu, diese Unterschiede Rednern und Redenschreibern mit auf den Weg zu geben. Denn das Ignorieren dieser Unterschiede ist der Hauptgrund, warum in Meetings, auf Podiumsdiskussionen, auf Messen und Konferenzen die meisten Redner nicht nur Wissenswertes verbreiten. Sondern vor allem Langeweile.

Auf die bei fast allen Rednern und Redenschreibern eingebrannte Fakten- und Schriftsprachenorientierung konzentrieren sich daher fast alle Rhetorik-Seminare: im Idealfall mit vielen praktischen, kreativen Übungen und Beispielreden.

Rhetorik-Seminare – ein Fazit

Kongruenz ist die zentrale Bedingung für den Kommunikationserfolg. Allerdings liegt der nur insoweit im Einflussbereich eines Redenschreibers, als dass er versuchen kann, ihn im Rahmen von Konzeption und Formulierungskunst sicherzustellen. Für die performative Stimmigkeit und den situationsgerechten Auftritt muss der Redner selbst sorgen. Im Sinne der klaren Rollenabgrenzung und Aufgabenverteilung zwischen Redner und Redenschreiber müssen auch Rhetorik-Seminare thematisch klar und deutlich aufeinander aufbauen. Performanz und Konzeption sollten dabei zwar als Einheit gesehen werden. Doch ist willkürliches Vermischen beider Teilbereiche selten hilfreich. Präsentationseminare beispielsweise, die performative Techniken mit konzeptionellen Themen und technisch-grafischen Fragen des Erstellens von Powerpoint-Folien kombinieren, erzeugen letztlich nur eines: Verwirrung. Vor allem dann, wird ein thematischer Parforceritt innerhalb von zwei Tagen oder weniger gewagt. In dieser kurzen Zeit ist es unmöglich, Performanzaspekte, Konzeptionsschritte und beispielsweise wichtige Kriterien des Textens und Formulierens auch nur ansatzweise akkurat aufzuarbeiten.

Das bedeutet im Umkehrschluss auch: Um einen 360-Grad Blick auf Rhetorik als Kunst der Beredsamkeit zu erhalten, bedarf es Zeit und Geduld. Ein Rhetorik-Seminar im Sinne des schnellen Aufbesserns eigener Schlagfertigkeit oder Durchsetzungskraft hat mit Rhetorik so viel zu tun wie Polittalkshows mit echten Diskussionen. Unser Rat: Nehmen Sie sich Zeit. Meiden Sie alle Rhetorik-Seminare, die Ihnen schnellen Erfolg versprechen oder mit der Macht der Manipulation werben. Denn Rhetorik kennt keine Gewinner und Verlierer. Wohl aber den Konsens als Ergebnis eines demokratischen Ideenwettbewerbs.

Den ersten Teil dieses Beitrags finden Sie übrigens hier …

Rhetorik-Seminare – ein kurzer Überblick, Teil 1

Rhetorische Kommunikation erfüllt im Kern zwei Aufgaben, die für Rhetorik-Seminare gleichermaßen von großer Bedeutung sind:

  • Verständigung über Sachverhalte – die sich meist komplex darstellen und über die abstrakt in Form von Zahlen, Daten, Fakten gesprochen wird
  • Verständigung über Bewertungen – in Form von Vereinfachungen und Konkretisierungen über sprachliche Bilder, Narrationen, Beispiele und Emotionen

Um beiden Seiten als Redner gerecht zu werden, bedarf es des Zusammenspiels von rationalen wie emotionalen, gleichermaßen abstrakten wie konkreten Elementen. In Rhetorik-Seminaren werden diese Elemente en Detail rhetorisch Interessierten nähergebracht. Sodass sie Ratio wie Emotio in einem angemessenen Gewicht zueinander bedienen können, um einer Rede kommunikative Kraft zu verleihen.

Mit Mimik, Gestik, Sprache und Stimme bestimmt der Redner einerseits was und wie der Inhalt seiner Rede wahrgenommen wird. Mit all dem, was der Redner im Moment des Vortragens unternimmt, um seiner Rede Gewicht zu verleihen, beschäftigt sich der performative Teilbereich der Rhetorik. Demgegenüber steht der kognitiv-semiotische Teilbereich, der die Konzeption und Ausformulierung einer Rede oder Präsentation umfasst. Für beide Teilbereiche gibt es spezielle Rhetorik-Seminare mit entsprechenden Seminarschwerpunkten.

Schließlich existiert eine Fülle unterschiedlicher Seminare, die den Dialog in den Mittelpunkt stellen. Und somit rhetorische Techniken als Mittel der Gesprächsführung: so zum Beispiel Rhetorik-Seminare zu den Themen Führung/Managementkommunikation, Verhandlung, Akquise, Diskussion oder Schlagfertigkeit. In vielen Fällen allerdings kombinieren Rhetorik-Seminare dieser Art rhetorische Themen mit psychologischen, pseudopsychologischen oder gar esoterischen Inhalten. Insofern konzentrieren wir uns im Sinne dieses kurzen Überblicks auf die beiden erstgenannten Bereiche …

Rhetorik-Seminare, die sich vor allem mit dem performativen Bereich der Rhetorik beschäftigen, umfassen meist folgende Themen:

Sprache

  • Sprechtempo
  • rhythmischer Verlauf (Pausen)
  • Akzentuierung
  • Artikulation

Stimme

  • Tonhöhe (Stimmlage)
  • Lautstärke
  • Stimmfülle (Volumen)
  • Klangfarbe (Timbre)

Kinesik

  • Mimik, Gestik, Körperhaltung
  • Blickkontakt
  • Selbst- und Fremdberührung, Berührung von Objekten und imaginative Berührung
  • Bewegung im Raum, Nähe/Distanz

Rhetorik-Seminare, die sich vor allem mit dem kognitiv-semiotischen Bereich der Rhetorik beschäftigen, umfassen meist folgende Themen:

Recherche und Themenauswahl

  • Themeneingrenzung
  • Gedanken, Argumente, Beweise suchen

Konzeption

  • Analyse der Kommunikationssituation (Setting)
  • Bestimmen kommunikativer Ziele und das Festlegen der Redegattung
  • Strategie: Aufbau der Argumentation, inhaltliche Positionierung im Vergleich zu anderen Rednern oder Gegenargumenten, dramaturgischer Aufbau, Zielgruppenbestimmung und sprachliche Ausrichtung auf Zielgruppe (Stilauswahl)
  • Maßnahmen: Bestimmen des Einsatzes von Formulierungstechniken und Stilmitteln, Einsatz von Medien

Ausarbeitung

  • Formulieren und kreative Umsetzung
  • Erarbeiten eines Manuskripts
  • mediale Aufbereitung

 

Den zweiten Teil dieses Beitrags finden Sie hier …

Rhetorik Kurse – wozu?

Rhetorik Kurse – wozu? Eine freiheitlich-demokratische Grundordnung benötigt politische Rhetorik. Sie ermöglicht erst den Wettbewerb um Ideen. Soziale Marktwirtschaft benötigt werbliche Rhetorik. Schließlich ist Wettbewerb und das Werben um Kunden jene Grundidee, die die Markt- von der Planwirtschaft unterscheidet. Und auch eine Kommunikationsgesellschaft benötigt: Rhetorik. Rhetorik ist Erfordernis, aber auch Selbstverständlichkeit, sollte man meinen.

Wozu aber Rhetorik Kurse – wenn Rhetorik einem sowieso überall begegnet? Paradoxerweise ignoriert das gesamte deutsche Bildungssystem bis heute die Notwendigkeit mündlicher Vortragsfähigkeiten: Die Unterschiede zwischen Schrift- und Sprechsprache werden kaum vermittelt, Lehrpläne konzentrieren sich auf die Reproduktion von Faktenwissen. Das sind die zentralen Gründe, warum Vortragende permanent versuchen, die komplexe deutsche Schriftsprache in die Mündlichkeit zu überführen. Und der anerzogenen Faktenorientierung gerecht zu werden. Hinzu kommen sprachliche Tristesse und eine weitverbreitete, oft übersteigerte, Angst vor Lampenfieber. Weil die Routine im Umgang mit Reden und Vorträgen in der Breite fehlt. Gute Nacht – und angenehme Träume.

Wo Nachfrage nach rhetorischen Produkten herrscht, dürften entsprechende staatliche Bildungsangebote nicht weit sein, sollte man meinen. Schließlich warten Medien, Pressekonferenzen, Podiumsdiskussionen gierig auf Inhalte, Storys und Redner. In der Realität jedoch fehlt ausgerechnet jenen, deren Haupttätigkeitsfeld das gesprochene Wort ist, rhetorisches Know-how. Insofern erscheint es logisch, dass immer mehr private Rhetorik Kurse angeboten werden. Freiberufliche Trainer wie private Bildungsträger und Akademien füllen mit ihren Rhetorik Kursen jene Bildungslücke, die staatlicherseits hinterlassen wird. Und versuchen der allgemeinen Zahlen-, Daten- und Faktenbulimie, die der in den Schulen verordneten Faktenreproduktion entspricht, entgegenzuwirken. Ein Rhetorik Kurs hilft zwar, antirhetorische Verhaltensmuster zu überwinden. Aber nicht von heute auf morgen.

Rhetorik Kurse: Weil sie im Bildungssystem fehlen

Prinzipiell jeder hat Angst beziehungsweise Lampenfieber vor einer Rede. Auch wenn es nur darum geht, vor ein paar Kollegen Arbeitsergebnisse zu einem Projekt zu präsentieren. Das gekonnte Reden vor Publikum – egal wie groß es ist – stellt immer eine Herausforderung dar. Eine gewisse rhetorische Selbstverständlichkeit zu erlangen – das ist das eigentliche Ziel eines Rhetorik Kurses. Denn Reden und Vorträge bereiten allen Schwierigkeiten, die über wenig Redeerfahrung verfügen oder nur selten Gelegenheit haben, Vorträge zu halten. Das alles wäre halb so schlimm – gäbe es nicht ein kleines Problem: Die moderne Arbeitswelt fordert in einem Maße verbale wie mediale Kompetenzen, über die in Deutschland kaum jemand verfügt. Selbstbewusst, aktiv zuhörend, Kompetenz ausstrahlend und vor Balkendiagrammen agierend wie ein politischer Beobachter am Wahlabend: So stellen sich Personalverantwortliche die idealen Mitarbeiter vor. Vor allem dann, wenn es um Führungskräfte geht. Mit Worten glänzen sollen sie, mitreißend erzählen. Doch in der Praxis, sind wir ehrlich, ist der Geist zwar willig. Doch die Rhetorik schwach. Storytelling mag zwar jeder. Aber statt spannender Geschichten hören wir täglich Phrasen und Wortschablonen. In Meetings. Auf Konferenzen. Auf Messen. Und wenn Einladungen Talk, Panels, Podiumsdiskussionen anpreisen – ist das Fernbleiben meist die richtige Reaktion darauf.

Beschleicht auch Sie das Gefühl, zwischen rhetorischen Anforderungen des Berufsalltags und eigenen kommunikativen Kompetenzen klafft nicht nur eine gewisse Lücke? Sondern eher ein Abgrund, breit und tief wie der Grand Canyon? Dann geht es Ihnen wie sehr vielen Menschen. Gerade Dienstleistungsberufe leben von rhetorischer Kommunikation. Weil wir sie jedoch allesamt nie richtig erlernt haben, gleiten wir gern ins Schwafeln ab. In ein Schwafeln, dass mit Phrasen und Techniken garniert ist, die in viel zu kurzen Fortbildungen vorgestanzt wurden.

Zwar wird uns – der Deutschen Rednerschule – im Rahmen von Rhetorik Kursen ab und zu aus berufenem (politischen oder Eltern-) Munde stolz berichtet, selbst in Grundschulen werde bereits mit Powerpoint gearbeitet. Doch ist eine solche Aussage Grund genug, um auszuwandern. Nach zwanzig Jahren Powerpoint-Borreliose reift in Unternehmen langsam die Einsicht, dass in Meetings Spiegelpunkte vomierende Manager nur wenig zur Wertschöpfung beitragen. Im Web wird außerdem derzeit zu Anti-Powerpoint-Partys aufgerufen. Powerpoint-Karaoke (improvisiertes Halten sinnfreier Vorträge auf Grundlage zufällig ausgewählter und für den Vortragenden fremder Charts) ist ebenfalls in Mode. Und in diesem Umfeld beginnen Grundschulen nun das betreute Vorlesen von elektronischen Folien. Es mag positiv sein, dass aus Salzteigbastlern begnadete Chart-Meister werden. So sind Kreativergebnisse für Eltern wenigstens leichter entsorgbar. Echtes Verständnis für Kommunikation wird so jedoch nicht weitergegeben; Rhetorik werden Schüler mithilfe von Powerpoint nicht lernen. Solange Faktenreproduktion – selbst wenn sie mit Powerpoint unterstützt wird – vor Faktenverständnis, -interpretation und -kommunikation geht, wird der Kundenstrom für Rhetorik Kurse nicht versiegen. So wird es weiter heißen: Rhetorik lernen heißt auch weiterhin ein Leben lang zu lernen.

Was Rhetorik Kurse leisten – und was nicht

Wenn Sie also bei sich rhetorische Defizite vermuten, hat das in erster Linie mit dem beschriebenen gesamtgesellschaftlichen Phänomen zu tun. Nicht mit persönlichen Versäumnissen. Sie sind weder Sorgenkind noch dumm. Weder schuld noch krank. Und wenn Sie wieder einmal in einer Projektsitzung Opfer des Folienschlachtensekundenschlafs werden, sehen Sie es Ihrer Kollegin oder Ihrem Kollegen nach. Auch sie oder er ist ein Produkt deutscher Bildung – und hat wahrscheinlich noch kein Rhetorik Kurs besucht.

An dieser Stelle wird aber auch eines deutlich: Die Absurdität jener Versprechen von Rhetorik Kursen, die im Internet schnelle Abhilfe verheißen. Was jemand beispielsweise nach achtzehn Jahren Schul- und Ausbildung nie erlernt hat, kann er weder an einem Vormittag noch in ein paar Tagen nachholen. Genauso wie Schwimmen oder Fahrradfahren ist Eloquenz auf dem Podium und Souveränität hinter dem Redepult nicht an einem Tag erlernbar. Zwar können mithilfe von Rhetorik Kursen Problembewusstsein geschaffen, grundlegende Techniken eingeübt und durchaus vorzeigbare Fortschritte erzielt werden. Gewandtes und routiniertes Reden ist aber immer Ergebnis eines Rhetorik Kurses, des regelmäßigen Trainierens, Scheiterns, Justierens und Reüssierens. Über Monate, über Jahre hinweg. Für Menschen, denen sich nur wenige Gelegenheiten bieten etwas vorzutragen, bleibt Rhetorik eine permanente Herausforderung. Auch wenn sie einen Rhetorik Kurs bei einem Superstar der Branche für eine Million Euro Stundenhonorar besucht haben.

Ein wenig erinnert alles an den Gang ins Fitnessstudio: Überschüssiges Fett kann man dort nicht einfach an der Rezeption abgeben, um danach einen großen Gyrosteller verputzen zu können. Man muss sich schon aufs Laufband quälen und ab und zu den Trainer um Rat fragen, wenn ’s nicht läuft. Gewicht verliert man nicht durch das Erstellen eines Trainingsplans. Sondern durch dessen Einhaltung. Im übertragenen Sinn leisten seriöse Rhetorik Kurse und Rhetoriktrainer Hilfestellung: Sie zeigen Übungen und klären auf. Werden aber niemals vorgaukeln, Sie könnten innerhalb kürzester Zeit Massen begeistern und einen Parteitag rocken. Rhetorik Kurse zeigen Klienten persönliche Stärken und Potenziale auf. Rhetorik Kurse geben ihnen Übungen mit auf den Weg. Rhetorik Kurse können für das, was gute Rhetorik ausmacht, sensibilisieren. Für den Transfer in die Praxis aber muss jeder selbst sorgen.

Sie wollen etwas tiefer einsteigen in das Thema Rhetorik? Der „Grundriß der Rhetorik“ von Gert Ueding und Bernd Steinbrink ist dafür bestens geeignet …

Rhetorik, Demokratie und Freiheit

Rhetorik und Demokratie sind zwei Seiten ein und derselben Medaille: Aufstieg und Niedergang demokratischer Ideen führten schon immer entweder zur Blüte der Rhetorik oder zu ihrem langsamen Absterben. Beängstigend: dass große Rhetoriker und Redner für die Freiheit stets gefährlich lebten. Machen wir eine kleine rhetorische Reise: über die Rhetorik Roms, die Rhetorik der französischen Revolution, über die Rhetorik der Vereinigten Staaten von Amerika bis hin zur aktuellen politischen Rhetorik.

Rhetorik im antiken Athen

Ausgangspunkt ist die Rhetorik im antiken Griechenland um die 400 Jahre vor Christus. Hier finden wir die Wurzeln unserer heutigen Rhetorik. Ein Meister der griechischen Rhetorik war Demosthenes, der in der Zeit von 384 bis 322 v. Chr. in Athen lebte. Seine Vita ist bis heute ein Paradebeispiel dafür, dass rhetorische Fähigkeiten erlernt werden können. Selbst bei völliger Talentlosigkeit.

Eine unangenehme Erbschaftssache zwingt Demosthenes, erst achtzehn Jahre alt, vor einem Gericht (mit 201 Geschworenen und über 200 Zuhörern) sein Anliegen zu vertreten. Die Sache geht schief – worauf er sich selber einer harten rhetorischen Ausbildung unterzieht: Er legt sich Kieselsteine in den Mund, um eine bessere Artikulation zu erlangen, legt sich schwere Bücher auf den Bauch, um eine bessere Zwerchfellatmung zu erlernen, redet gegen die Brandung des Meeres an und stellt sich während rhetorischer Übungen unter ein Schwert, um sein nervöses Achselzucken in den Griff zu bekommen.

Mit dreißig Jahren hat er es geschafft: Er gilt als Meister der Rhetorik; bewundert in ganz Athen. Was aber ist von ihm rhetorisch geblieben? Berühmt sind noch heute seine vier Philippischen Reden, die später den Rhetor Cicero begeistern und inspirieren sollten. König Philipp II von Makedonien, gegen den diese Reden gerichtet sind, soll später gesagt haben: „Ich glaube, wenn ich diese Reden mit angehört hätte, hätte ich selber gegen mich gestimmt.“ So stark war die Rhetorik des Demosthenes. Als Anerkennung seiner Verdienste um die Politik und die Rhetorik wird ihm 340 v. Chr. auf großer Bühne der Goldene Ehrenkranz verliehen.

Demosthenes hat damit zwar den Kampf gegen sich gewonnen. Rhetorisch erringt er Sieg um Sieg. Allerdings verliert sein von ihm geschmiedetes Athener Bündnis gegen Philipp II militärisch. Dessen Sohn Alexander der Große ist in der Folge, man kann es sich denken, ebenfalls kein großer Freund des Rhetorikers. Der überlebt zwar den Groll des Hegemons, indem er aus einem Gefängnis flieht. Doch nur zwei Jahre später – Alexander ist bereits tot – unterstützt er erneut antimakedonische Strömungen. Die Konsequenz? Erneute Flucht – und schließlich der Freitod, um einer weiteren Festnahme zu entgehen.

Die Gifteinnahme Demosthenes 322 v. Chr. war gleichbedeutend mit dem Beginn eines jahrzehntelangen Siechtums der freiheitlichen Demokratie, die 262 v. Chr. endgültig mit einer neuerlichen makedonischen Besetzung zu Grabe getragen wurde. Der englische Philosoph David Hume würdigte Demosthenes einst mit den Worten: „Unter allen menschlichen Geisteswerken nähert sich die Rhetorik von Demosthenes dem Ideal der Vollkommenheit am nächsten.“

Rhetorik im antiken Rom

Demosthenes ist tot, seine Rhetorik und die griechische Kultur leben weiter: Überall wird die griechische Sprache gesprochen, die einen tiefgreifenden Einfluss auf die Rhetoriker Roms ausübt. Unter ihnen Cicero, der schon als junger Mann die Kunst der Rhetorik erlernt und diverse Rednerschulen besucht – zum Beispiel die berühmte Rednerschule des Rhetors Gnipho. Im Jahre 64 v. Chr. wird er Konsul und verfertigt Werke über die Rhetorik, die noch heute große Bedeutung haben: „De Oratore“, „De res publica“ und „De legibus“. Am 15. März 44 v. Cr. wird Cäsar mit 23 Dolchstichen getötet. Cicero verteidigt die Mörder, was gleichzeitig sein Todesurteil ist: Er wird am 7. Dezember 43 v. Chr. ermordet. Und mit ihm verschwinden auch die letzten Reste republikanischen Denkens. Es folgen Bürgerkrieg und die alleinherrschenden Caesaren.

Rhetorik während der Französischen Revolution

Erst Jahrhunderte später findet die Rhetorik wieder zu alten Ehren: während der französischen Revolution. Bereits 1759 wird der wohl bekannteste französische Rhetor geboren: Georges Jacques Danton. Beinahe zur selben Zeit treten der Rhetor Maximilien Robespierre und sein Freund Louis Antoine de Saint-Just auf die rhetorische Bühne. Ob es tatsächlich heimlich verabreichtes Gift war, das Danton das Leben kostete, weiß man nicht. Mehr als gesichert ist allerdings, dass Robespierre und Saint-Just mit der in der Revolutionszeit so beliebten Guillotine Bekanntschaft machen. Nach dem demokratischen Aufbruch folgen auch in Frankreich Terror und in letzter Konsequenz abermals eine Alleinherrschaft in Form von Napoleon I.

Rhetorik in den USA

Von Athen über Rom, Paris und die angelsächsische Declaration of Rights wandert die Rhetorik mit den Pilgervätern weiter in die USA. In deren Süden hatte sich mittlerweile die Sklaverei breitgemacht. Dem später als Befreier der Sklaven gefeierten Abraham Lincoln (1809 bis1865) geht es allerdings während seines Wirkens weniger um die Freiheit der schwarzen Bevölkerung. Sondern in erster Linie um die Einheit der USA. Sie ging ihm über alles – rhetorisch brillant machte er immer wieder seinen Soldaten Mut, für die Einheit zu kämpfen. Doch muss er den militärischen Sieg der Nordstaaten und die damit einhergehende Befreiung der Sklaven auch mit dem eigenen Leben bezahlen.

Das Erbe des Südens, dessen Barbarei, belastet die USA bis heute. Auch wenn ein schwarzer Prediger und Bürgerrechtler am 28. August 1663 vor dem Lincoln Memorial vor über 250.000 Zuhörern eine Rede hält, die als rhetorisches Meisterwerk unter der Überschrift „I have a dream“ bekannt wird. Auch wenn 45 Jahre später der erste Afroamerikaner zum Präsidenten gewählt wird. Zwar jubeln dem charismatischen Politiker am 24. Juli 2008 über 200.000 Menschen in Berlin zu. All das wird aber relativiert beim Gedanken an die Ermordung von Martin Luther King und den rhetorischen Kurs in Richtung Wahnsinn, den Donald Trump einschlägt.

 

Abbildungen: Demokratie und geheuchelte Demokratie – Rhetorik und Lüge …

Rhetorik in Deutschland

Licht und Schatten der Geschichte und damit der Rhetorik werden besonders deutlich anhand der jüngeren deutschen Geschichte. Eigenartig aussehende, aber gefährliche Witzfiguren und deren absurd klingendes Gebrülle und Gezeter trieb Deutschland in den Abgrund. Militärisch, wirtschaftlich – moralisch. Und als ein ganzes Volk sah, was es angerichtet hatte, begab es sich gemeinschaftlich auf den rhetorischen Irrweg der Wir-haben-nichts-gewusst-Lüge.

Was wäre passiert, hätte es die Rhetoren der „ersten Stunde“ nicht gegeben? Wer weiß, welche Entwicklung Deutschland genommen hätte – ohne Konrad Adenauer? Der wies vielleicht paranoide, diktatorische Züge auf. Machte aber die Versöhnung mit Frankreich und Europa zu seinem Ziel. Was wäre die deutsche Geschichte ohne Adenauers Gegner Kurt Schumacher? Der im 1. Weltkrieg einen Arm verlor und die nationalsozialistische Zeit im KZ verbringen musste. Unvergessen ist Ernst Reuter und seine aufrüttelnde Rede in Berlin am 9.9.1948: „Ihr Völker der Welt, schaut auf diese Stadt“.

Ins kollektive Gedächtnis der Deutschen rückte auch Carlo Schmid, den man auch den „Demosthenes der sieben Berge“ nannte. Sein berühmtester Ausspruch: „Als ich jung war, glaubte ich, Politiker müssen intelligent sein. Jetzt weiß ich, dass Intelligenz wenigstens nicht schadet“. Denken wir auch an Kurt Georg Kiesinger: zwar für seine NS-Vergangenheit kritisiert, aber auch bekannt als „Meister Silberzunge“. Seine zündenden Reden wurden immer wieder von Fritz Erler gekontert. Später war es Willy Brandt, der mit seinem Kniefall in Warschau ohne Worte alles sagte. Nicht zu vergessen Herbert Wehner, den man gerne als Zuchtmeister beschrieb und natürlich die großen Redner Helmut Schmidt und Franz Josef Strauss.

Demokratie braucht Rhetorik

Der Blick in die Geschichte zeigt, wie sehr Demokratie von Rhetorik lebt. Wie sehr eine lebendige Rhetorik Gradmesser lebendiger Demokratie ist. Und wie schnell Demagogie und autokratische Systeme Gegenreden zum Schweigen bringen. Rhetorik haucht einer freiheitlich-demokratischen Grundordnung überhaupt erst Leben ein. Es lohnt sich zu streiten. Denn jeder Streit festigt die Demokratie.

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