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Rhetorik, Demokratie und Freiheit

Rhetorik, Demokratie und Freiheit

Historie der Rhetorik
Rhetorik-Historie

Rhetorik und Demokratie: zwei Seiten ein und derselben Medaille: Aufstieg und Niedergang demokratischer Ideen führten schon immer entweder zur Blüte der Rhetorik oder zu ihrem langsamen Absterben. Beängstigend: dass große Rhetoriker und Redner für die Freiheit stets gefährlich lebten. Machen wir eine kleine Reise: von der Antike – über die französische Revolution bis hin zur aktuellen politischen Rhetorik.

Rhetorik im antiken Athen

Ausgangspunkt ist die Rhetorik im antiken Griechenland um die 400 Jahre vor Christus. Hier finden wir die Wurzeln unserer heutigen Rhetorik. Ein Meister der griechischen Rhetorik war Demosthenes, der in der Zeit von 384 bis 322 v. Chr. in Athen lebte. Seine Vita ist bis heute ein Paradebeispiel dafür, dass rhetorische Fähigkeiten erlernt werden können. Selbst bei völliger Talentlosigkeit.

Eine unangenehme Erbschaftssache zwingt Demosthenes, erst achtzehn Jahre alt, vor einem Gericht (mit 201 Geschworenen und über 200 Zuhörern) sein Anliegen zu vertreten. Die Sache geht schief – worauf er sich selber einer harten rhetorischen Ausbildung unterzieht: Er legt sich Kieselsteine in den Mund, um eine bessere Artikulation zu erlangen, legt sich schwere Bücher auf den Bauch, um eine bessere Zwerchfellatmung zu erlernen, redet gegen die Brandung des Meeres an und stellt sich während rhetorischer Übungen unter ein Schwert, um sein nervöses Achselzucken in den Griff zu bekommen.

Mit dreißig Jahren hat er es geschafft: Er gilt als Meister der Rhetorik; bewundert in ganz Athen. Was aber ist von ihm rhetorisch geblieben? Berühmt sind noch heute seine vier Philippischen Reden, die später den Rhetor Cicero begeistern und inspirieren sollten. König Philipp II von Makedonien, gegen den diese Reden gerichtet sind, soll später gesagt haben: „Ich glaube, wenn ich diese Reden mit angehört hätte, hätte ich selber gegen mich gestimmt.“ So stark war die Rhetorik des Demosthenes. Als Anerkennung seiner Verdienste um die Politik und die Rhetorik wird ihm 340 v. Chr. auf großer Bühne der Goldene Ehrenkranz verliehen.

Demosthenes hat damit zwar den Kampf gegen sich gewonnen. Rhetorisch erringt er Sieg um Sieg. Allerdings verliert sein von ihm geschmiedetes Athener Bündnis gegen Philipp II militärisch. Dessen Sohn Alexander der Große ist in der Folge, man kann es sich denken, ebenfalls kein großer Freund des Rhetorikers. Der überlebt zwar den Groll des Hegemons, indem er aus einem Gefängnis flieht. Doch nur zwei Jahre später – Alexander ist bereits tot – unterstützt er erneut antimakedonische Strömungen. Die Konsequenz? Erneute Flucht – und schließlich der Freitod, um einer weiteren Festnahme zu entgehen.

Die Gifteinnahme Demosthenes 322 v. Chr. war gleichbedeutend mit dem Beginn eines jahrzehntelangen Siechtums der freiheitlichen Demokratie, die 262 v. Chr. endgültig mit einer neuerlichen makedonischen Besetzung zu Grabe getragen wurde. Der englische Philosoph David Hume würdigte Demosthenes einst mit den Worten: „Unter allen menschlichen Geisteswerken nähert sich die Rhetorik von Demosthenes dem Ideal der Vollkommenheit am nächsten.“

Rhetorik im antiken Rom

Demosthenes ist tot, seine Rhetorik und die griechische Kultur leben weiter: Überall wird die griechische Sprache gesprochen, die einen tiefgreifenden Einfluss auf die Rhetoriker Roms ausübt. Unter ihnen Cicero, der schon als junger Mann die Kunst der Rhetorik erlernt und diverse Rednerschulen besucht – zum Beispiel die berühmte Rednerschule des Rhetors Gnipho. Im Jahre 64 v. Chr. wird er Konsul und verfertigt Werke über die Rhetorik, die noch heute große Bedeutung haben: „De Oratore“, „De res publica“ und „De legibus“. Am 15. März 44 v. Chr. wird Cäsar mit 23 Dolchstichen getötet. Cicero verteidigt die Mörder, was gleichzeitig sein Todesurteil ist: Er wird am 7. Dezember 43 v. Chr. ermordet. Und mit ihm verschwinden auch die letzten Reste republikanischen Denkens. Es folgen Bürgerkrieg und die alleinherrschenden Caesaren.

Rhetorik während der Französischen Revolution

Erst Jahrhunderte später findet die Rhetorik wieder zu alten Ehren: während der französischen Revolution. Bereits 1759 wird der wohl bekannteste französische Rhetor geboren: Georges Jacques Danton. Beinahe zur selben Zeit treten der Rhetor Maximilien Robespierre und sein Freund Louis Antoine de Saint-Just auf die rhetorische Bühne. Ob es tatsächlich heimlich verabreichtes Gift war, das Danton das Leben kostete, weiß man nicht. Mehr als gesichert ist allerdings, dass Robespierre und Saint-Just mit der in der Revolutionszeit so beliebten Guillotine Bekanntschaft machen. Nach dem demokratischen Aufbruch folgen auch in Frankreich Terror und in letzter Konsequenz abermals eine Alleinherrschaft in Form von Napoleon I.

Rhetorik in den USA

Von Athen über Rom, Paris und die angelsächsische Declaration of Rights wandert die Rhetorik mit den Pilgervätern weiter in die USA. In deren Süden hatte sich mittlerweile die Sklaverei breitgemacht. Dem später als Befreier der Sklaven gefeierten Abraham Lincoln (1809 bis1865) geht es allerdings während seines Wirkens weniger um die Freiheit der schwarzen Bevölkerung. Sondern in erster Linie um die Einheit der USA. Sie ging ihm über alles – rhetorisch brillant machte er während des Sezessionskrieges seinen Soldaten immer wieder Mut, für die Einheit zu kämpfen. Doch muss er den militärischen Sieg der Nordstaaten und die damit einhergehende Befreiung der Sklaven auch mit dem eigenen Leben bezahlen.

Das Erbe des Südens, dessen Barbarei, belastet die USA bis heute. Auch wenn ein schwarzer Prediger und Bürgerrechtler am 28. August 1663 vor dem Lincoln Memorial vor über 250.000 Zuhörern eine Rede hält, die als rhetorisches Meisterwerk unter der Überschrift „I have a dream“ bekannt wird. Auch wenn 45 Jahre später der erste Afroamerikaner zum Präsidenten gewählt wird. Zwar jubeln dem charismatischen Politiker am 24. Juli 2008 über 200.000 Menschen in Berlin zu. All das wird aber relativiert beim Gedanken an die Ermordung von Martin Luther King und den rhetorischen Kurs in Richtung Wahnsinn, den Donald Trump einschlägt.

 

Lebendige Rhetorik – ist ein Zeichen für eine lebendige Demokratie.
Abb.: Demokratie …
Mit der Verkümmerung der Rhetorik verkümmert auch die Freiheit.
… und geheuchelte Demokratie.

 

 

 

 

 

Rhetorik in Deutschland

Licht und Schatten der Geschichte und damit der Rhetorik werden besonders deutlich anhand der jüngeren deutschen Geschichte. Eigenartig aussehende, aber gefährliche Witzfiguren und deren absurd klingendes Gebrülle und Gezeter trieben Deutschland in den Abgrund. Militärisch, wirtschaftlich – moralisch. Und als ein ganzes Volk sah, was es angerichtet hatte, begab es sich gemeinschaftlich auf den rhetorischen Irrweg der Wir-haben-nichts-gewusst-Lüge.

Was wäre passiert, hätte es die Rhetoren der „ersten Stunde“ nicht gegeben? Wer weiß, welche Entwicklung Deutschland genommen hätte – ohne Konrad Adenauer? Der wies vielleicht paranoide, diktatorische Züge auf. Machte aber die Versöhnung mit Frankreich und Europa zu seinem Ziel. Was wäre die deutsche Geschichte ohne Adenauers Gegner Kurt Schumacher? Der im 1. Weltkrieg einen Arm verlor und die nationalsozialistische Zeit im KZ verbringen musste. Unvergessen ist Ernst Reuter und seine aufrüttelnde Rede in Berlin am 9.9.1948: „Ihr Völker der Welt, schaut auf diese Stadt“.

Ins kollektive Gedächtnis der Deutschen rückte auch Carlo Schmid, den man auch den „Demosthenes der sieben Berge“ nannte. Sein berühmtester Ausspruch: „Als ich jung war, glaubte ich, Politiker müssen intelligent sein. Jetzt weiß ich, dass Intelligenz wenigstens nicht schadet“. Denken wir auch an Kurt Georg Kiesinger: zwar für seine NS-Vergangenheit kritisiert, aber auch bekannt als „Meister Silberzunge“. Seine zündenden Reden wurden immer wieder von Fritz Erler gekontert. Später war es Willy Brandt, der mit seinem Kniefall in Warschau ohne Worte alles sagte. Nicht zu vergessen Herbert Wehner, den man gerne als Zuchtmeister beschrieb und natürlich die großen Redner Helmut Schmidt und Franz Josef Strauss.

Demokratie braucht Rhetorik

Der Blick in die Geschichte zeigt, wie sehr Demokratie von Rhetorik lebt. Wie sehr eine lebendige Rhetorik Gradmesser lebendiger Demokratie ist. Und wie schnell Demagogie und autokratische Systeme Gegenreden zum Schweigen bringen. Rhetorik haucht einer freiheitlich-demokratischen Grundordnung überhaupt erst Leben ein. Es lohnt sich zu streiten. Denn jeder Streit festigt die Demokratie.

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