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Rhetorik als Statussymbol

Rhetorik als Statussymbol

Rhetorik und Ethik, Berliner Mauer
Rhetorik und Ethik

Rhetorik als Statussymbol? Geht das? Und wie: Immer häufiger ist zu beobachten, dass Rhetorik nicht mehr der Botschaft und der Gedankenklarheit dient. Sondern dem Standes- und Statusdenken. Wie? Dazu ein paar Gedanken …

Im Herzen des „politischen Berlins“ zu arbeiten, ist mit einem großen Privileg und damit mit angenehmen Begleiterscheinungen verbunden: Quasi aus dem Nichts erhält man Einladungen zu Events und Podiumsdiskussionen; während der meisten können nette Gespräche, schmackhafte Häppchen und das eine oder andere Glas Wein genossen werden. Genau dieser Alkoholkonsum lässt einen aber gerne darüber hinwegsehen, was die allermeisten Veranstaltungen nicht bieten: Erkenntnisgewinn. Ganz gleich ob der Organisator Partei, NGO oder Wirtschaftsunternehmen ist – meist ergießt sich eine nicht enden wollende Lawine an Phrasen und Binsenweisheiten von Podien und Panels in das Publikum. Neben vielerlei Gründen, die es in diesem Kontext zu benennen gäbe, stellt ein Phänomen eine konkrete Ursache für ewig gleiches Wortgeschwalle dar: Rhetorik als Statussymbol, wie wir es nennen. Das Phänomen umfasst mehrere Aspekte der öffentlichen Rede – und wird in jedem unserer Redenschreiben-Seminare von unseren Klienten auf die eine oder andere Art thematisiert.

Rhetorik als Statussymbol – Titel vor Wissen

Zunächst sei der Aspekt des Redners als Statussymbol für den Organisator einer Veranstaltung zu nennen. Es gilt hier offensichtlich: Engagiere lieber Titel als Wissen. Oder: vorzugsweise den Minister, auch wenn er nichts zu sagen hat – und nicht die wissende Referentin. Auch könnte man formulieren: CEO geht vor CFO, C-Prominenz vor Wissenschaft – oder fachfremde Professorin vor einem in einem Fach erfahrenen Bachelor. Und vereinigt eine Person akademische Weihen und Popularität aufgrund von TV-Präsenz auf sich, so kann sie sich der eigenen grenzenlosen Narrenfreiheit sicher sein: Dann darf auch eine Philosophin ein Urteil über Bankenregularien fällen oder ein Atomphysiker über Gartenbau referieren. Wenn das in einer freien Gesellschaft gestattet sein muss, muss dennoch auch erlaubt sein zu fragen, warum derart penetrant Titel und Prominenz vor Kompetenz gehen.

Gerade jene Talk- und Event-Inflation, die in Berlin um sich greift, könnte als eine Erklärung dienen: In einem Umfeld der Eventisierung auch kleinster Anlässe (sei es nur der Verband der Zahnbohrer-Produzenten, der zur Mottoparty „Alles Walzer“ lädt) muss zwangsläufig im Sinne der Aufmerksamkeit groß aufgefahren werden, was letztlich in einen sich selbst verstärkenden Teufelskreis mündet. Ergebnis: Eine mit der Eventisierung des öffentlichen Lebens einhergehende zunehmende Sinnlosigkeit permanenten Geredes, das an die Hofberedsamkeit des Barocks erinnert.

Rhetorik als Statussymbol – Events als Wert an sich

Als nächstes sei das Event als Statussymbol für Redner erwähnt. Fast ausnahmslos problematisieren Redenschreiber im Rahmen von Seminaren der Deutschen Rednerschule den allgemeinen Mangel an ernstzunehmenden Briefings. Diesen führen sie sehr häufig auch darauf zurück, dass von ihren Auftraggebern Gelegenheiten für öffentliche Auftritte nicht nach deren Sinnhaftigkeit hinterfragt werden. Sondern nach dem Rampenlichtfaktor im Kontext des eigenen Marktwerts. Verargumentiert als fragwürdige Strategien wie „CEO-Branding“, „Vorstand als Kommunikationskanal“ oder „Schärfung des Profils über die öffentliche Rede“ mutieren Auftritte und die Quantität der Auftritte zu einem Wert an sich. Haltungen, klare Botschaften werden dabei vernachlässigt – beziehungsweise Redenschreiber dafür missbraucht, irrelevante Inhalte so zurechtzubiegen, dass sie irgendwie und gerade noch zum Titel einer Veranstaltung passen. Und so reibt man sich die Ohren und fragt aufgrund deplatzierten Redens: Warum muss ich mir ein Quasi-Wahlprogramm anhören, geht es doch um die Ehrung eines Award-Gewinners? Wozu eine Produkt- und Leistungslitanei im Rahmen eines Sommerfestes, wozu ein Referat über die Historie einer Partei, geht es in einer Bürgerdiskussion doch lediglich um die Beseitigung eines Hundehaufens an der Ecke …

Rhetorik als Statussymbol – Redenschreiber als Lückenbüßer

Der dritte Aspekt schließlich betrifft den Redenschreiber an sich, der gern als schmückendes, aber eigentlich unwichtiges Statussymbol gehalten wird: Zu oft als dass sie als Ausnahmeerscheinungen abgetan werden können, sind von hochrangigen Rednern Aussagen zu hören wie: „Sicher habe ich einen Redenschreiber. Aber eigentlich halte ich mich nie an das Manuskript.“ Oder: „Im Grunde brauche ich keinen Redenschreiber. Wenn ich mehr Zeit hätte, würde ich meine Reden selber schreiben.“

All das zusammengenommen ergibt eine zu oft zu beobachtende, erschreckende, fast kindliche Naivität mit der in Berlin-Mitte getalkt und vorgetragen wird. Redegwandt zwar, akademisch, durchaus humorvoll erscheinen die Protagonisten auf den Bühnen. In ihren Rollen verhaftet aber – ignorieren sie ihre eigene Verantwortung dafür, dass immer häufiger Rhetorik als Statussymbol im Sinne des blendenden Ornats und nicht als Basis für Klarheit, für Transparenz in Erscheinung tritt. Sie nähren somit nicht den Geist der Gäste. Sondern allenfalls die Geldbeutel von Caterer und Mietmöbelvermieter. Insofern sind üppige Buffets und großzügige Weinvorräte auf Veranstaltungen meist nur eine Entschuldigung für mangelnden Inhalt, die man selbst – Asche auf das eigene Haupt – allzu gerne und kommentarlos entgegennimmt.